Aus Fremden wurden Freunde

Grußwort des Bürgermeisters Sven Schulze anlässlich der Gedenktafel-Einweihung am “Paprikaturm” am 5. Oktober 2017

Sehr geehrter Herr Botschafter Dr. Györkös, sehr geehrte Frau Kobuß, sehr geehrter Herr Vereinsvorsitzender Szücs, liebe Vereinsmitglieder,

ich freue mich sehr, heute zur Einweihung dieser Gedenktafel bei Ihnen sein und einige Worte im Namen der Stadt Chemnitz an Sie richten zu dürfen!

50 Jahre ist es her, dass Ungarn dieses Haus als Wohnheim bezogen. In diesen 50 Jahren ist vieles passiert:

Als die ersten von Ihnen im Herbst 1967 hier ankamen, muss diese neue Umgebung auf Sie ziemlich fremd und vielleicht auch ein bisschen seltsam gewirkt haben. Andere Sitten, ein anderes Klima und eine Sprache, die für Ausländer sicher nur schwer zu verstehen ist. Auch das Essen mag für den ungarischen Geschmack vielleicht etwas fad´ gewesen sein. Und die wenigen deutschen Weine… na ja.

Für die damalige DDR-Führung waren Sie in erster Linie Arbeitskräfte, die den in vielen Industrieberufen herrschenden Fachkräftemangel decken sollten. Jeder Einzelne von Ihnen sollte dies jedoch nur für eine bestimmte Zeit tun. Denn das Arbeitskräfteabkommen zwischen der Ungarischen Volksrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik sah im Regelfall nur einen dreijährigen Aufenthalt vor. Eine dauerhafte Integration war seitens der DDR weder erwünscht noch vorgesehen.

Gerade in den Anfangsjahren stellte das die Stadt jedoch vor große Probleme: Für die Unterbringung der jungen Vertragsarbeiter waren die aufnehmenden Betriebe gemeinsam mit den „örtlichen Organen“ verantwortlich. Baracken durften jedoch nicht als Unterkünfte genutzt werden und für den Neubau von Internaten war weder genug Zeit noch ausreichend Baukapazitäten vorhanden. Also blieb nur die Unterbringung in regulären Wohngebieten.

Deshalb war es wohl auch kaum verwunderlich, dass Ihre Ankunft nicht von allen bejubelt wurde. So sorgte beispielsweise „die konzentrierte Anwesenheit 800 junger ungarischer Bürger im Wohngebiet an der Arthur-Strobel-Straße“ bei vielen deutschen Anwohnern für viel Unmut.

Da wurden Motorräder zu später Stunde zwischen den Wohnblöcken bis vor die Haustür gefahren und Tonsäulen zum Zwecke der Beschallung auf Balkone gestellt, wie man einer Aktennotiz des Rates der Stadt Karl-Marx-Stadt aus dem Mai 1969 entnehmen kann.

Die wenigen Streifen der Volkspolizei, die gegenüber den Ungarn in deutlicher Unterzahl waren, konnten zum Verdruss der deutschen Anwohner nur selten für Ruhe und Ordnung sorgen. Im Gegenteil: oftmals wurden die Ordnungskräfte einfach ausgelacht. So kann man es jedenfalls in besagter Aktennotiz nachlesen.

Probleme gab es aus Sicht der Behörden mitunter auch hier im Wohnheim am Bernsbachplatz. Ein Bericht der Abteilung Inneres der Stadtverwaltung aus dem Februar 1968 schildert dazu Folgendes:

„Nach wie vor treiben sich Jugendliche, vorwiegend Mädchen, in der Nähe des Hochhauses Bernsbachplatz herum. Durch verstärkte Kontrollmaßnahmen und Streifengänge der Abteilung Schutzpolizei soll die Sicherheit in der Umgebung des Hochhauses am Bernsbachplatz garantiert werden.“

Ob diese Mädchen tatsächlich eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellten oder einfach nur dem Charme der jungen Ungarn erlegen waren, das lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei aufklären. Eine meiner Mitarbeiterinnen sagt einmal, die jungen Ungarn wären „echte Schnuckelchen“ gewesen, was vielleicht eine plausible Erklärung für den regen Betrieb rund um das Hochhaus liefert.

Wie dem auch sei: heute sind diese Probleme im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte!

Denn aus den Fremden, die sie damals waren, wurden für uns nicht nur geschätzte Kollegen, sondern vor allem auch gute Freunde.

Viele von denen, die ab 1967 in unsere Stadt und die Region kamen, sind hier heimisch geworden, haben die deutsche Sprache erlernt, Familien gegründet.

Das war sicher nicht immer leicht. Und doch haben Sie sich entschieden, hier Ihre neue, Ihre zweite Heimat hier bei uns zu finden.

Für Chemnitz ist das ebenso wie für viele andere Orte der Region ein großer Gewinn! In unserer Stadt leben aktuell rund 17.000 Menschen aus 134 Ländern, was einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von knapp 7 % entspricht.

Die Ungarn stellen mit rund 800 Einwohnern eine der größten Gruppen in Chemnitz. Und das sind keineswegs nur ehemalige Vertragsarbeiter, denn etliche von ihnen sind mit dem Inkrafttreten der EU-Freizügigkeit neu in unsere Stadt gekommen. Dass Chemnitz gerade für Ungarn einen attraktiver Wohnort darstellt, ist auch Ihrer Vereinsarbeit zu verdanken. Denn hier finden Ihre Landsleute Ansprechpartner, die ihnen mit Rat und Tat  zur Seite stehen, dieselbe Sprache sprechen, dieselbe Kultur pflegen.

Und sie finden einen Verein vor, der mit seinen vielfältigen Veranstaltungen auf kulturellem Gebiet zu einem der aktivsten Nationalitätenvereine in unserer Stadt gehört. Das beste Beispiel dafür ist die Errichtung dieser Gedenktafel, zu deren Einweihung wir uns heute hier zusammengefunden haben.

Ich finde es eine schöne Idee, mit dieser Tafel auf die Ankunft der ersten ungarischen Vertragsarbeiter vor 50 Jahren und auf ihre erfolgreiche Integration in unserer Stadt hinzuweisen.

Von den jüngeren Chemnitzer wird kaum einer wissen, wie eng dieses Haus mit der Geschichte der Ungarn in unserer Stadt verbunden ist. Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein für diese Geschichte wach zu halten. Nicht nur für Sie selbst, sondern vor allem auch für nachfolgende Generationen.

Sehr geehrte Damen und Herren,  ein ungarisches Sprichwort lautet:

 „Magyarországon kívül nincs élet, ha van élet, az nem ilyen.“

„Außerhalb von Ungarn gibt es kein Leben; und wenn, dann ist es nicht dasselbe.“

Trotz dieser etwas pessimistischen Grundaussage haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, den Ungarn in unserer Stadt und der Region das Leben so schön wie möglich zu gestalten, in dem Sie auch außerhalb Ungarns Ihre Sprache, Ihre Traditionen und Ihre Kultur pflegen.

Dabei bleiben Sie nicht nur unter sich. Sie beziehen Menschen anderer Herkunft aktiv in Ihre Angebote ein und tragen damit zur Verständigung zwischen den verschiedenen Nationalitäten bei.

Dafür möchte ich Ihnen im Namen der Stadt Chemnitz recht herzlich danken und Ihnen gleichzeitig für Ihre wertvolle Arbeit weiterhin viel Erfolg wünschen!

Vielen Dank – Köszönöm szépen

5001